Wie praktizieren, wenn es heiss ist?

Aus dem Kusen von Michel Bovay vom Sommerlager 2002 im Zentempel La Gendronnière. Gutes Zazen!

Heute Nachmittag ist es sehr heiss im Dojo. Das erinnert mich an folgendes Mondo: Ein Mönch fragte seinen Meister: „Wenn ich von Hitze oder Kälte befallen werde, wie kann ich dem entfliehen?“ Der Meister antwortete: „Geh doch einfach dahin, wo es weder Kälte noch Wärme gibt.“ Und der Schüler fragte noch: „Wo ist denn dieser Ort, wo es weder Kälte noch Hitze gibt?“ Der Meister antwortete: „Wenn es heiss ist, werde ganz zu Hitze. Und wenn es kalt ist, werde ganz zu Kälte. Das ist der Ort, wo es weder Hitze noch Kälte gibt.“

In dieser Anekdote, in diesem Mondo drücken Hitze und Kälte unseren dualistischen Geist aus, der immer unterscheidet: gut, schlecht; ich mag, ich mag nicht; ich und die andern; Täuschung, Erweckung; Leben, Tod. Es ist durch diese Trennung, dass das Leiden entsteht. Also wie es lösen? Wenn es heiss ist, werdet zur Hitze. Wenn es kalt ist, werdet zu Kälte, vollständig. Und wenn du in Zazen sitzst, werde vollkommen Zazen. Zazen bedeutet verstehen, dass man nicht entfliehen kann von dem, was ist, in irgendeine andere Welt. Denn in Wirklichkeit kann man nur das sein, was ist. Wenn es heiss ist, ist es heiss. Man muss das Phänomen vollständig sein. Und wie wir im Hannya Shingyo jeden Morgen singen: Die Phänomene sind nicht verschieden von Ku, der tiefe Grund jedes Phänomens ist nichts als Leerheit. Also wenn wir vollständig in Einheit sind mit dem Phänomen, sind wir auch in Einheit mit der Leerheit. So kann man erkennen, die direkte Erfahrung des Aspekts der Leerheit eines Phänomens machen. Und dadurch findet unser Geist seine ursprüngliche Ruhe wieder. Man findet den Frieden und die Freiheit des Geistes. Aber da die meiste Zeit, wenn es heiss ist, der Mensch die Kälte wünscht, und wenn es kalt ist, dann wünscht er sich die Wärme, ist er nie zufrieden, immer unruhig und unzufrieden. Es gibt welche, die damit ihr ganzes Leben lang fortfahren. Wenn nichts ändert, langweilen sie sich, und wenn etwas geändert wird, sind sie dagegen. Resultat: Ihr ganzes Leben lang sind sie unzufrieden. Und am Ende, wenn der Moment gekommen ist, wo sie in den Sarg steigen müssen, entdecken sie plötzlich, dass eigentlich das Leben doch schön ist, so wie es ist. Aber dann ist es zu spät.

Also, ich wiederhole: Konzentriert euch, einfach nur mit Zazen in Einheit zu sein, ohne Trennung, ohne etwas hinzuzufügen. Und da Zazen die Form und die Essenz Buddhas ist, vollständig und vollkommen die Form Buddhas annimmt, sind wir Buddha. Dieses Zazen hier wird hier und jetzt Buddha. Wenn unser Geist die Leerheit aller Erscheinungsformen realisiert, kann er von nichts erreicht oder gestört werden. Das ist nicht der Fall mit allen. Es gibt welche, die schlafen. Schlafende Buddhas. Nach mehreren Zazen, und nach einem etwas längeren Zazen wie diesem, wird Zazen stärker, und der Geist wird klarer. Das ist ein privilegierter Moment. Bitte verliert ihn nicht. Im Gegenteil sollte man die Wirbelsäule noch mehr strecken und seine Konzentration zuspitzen. Wenn man völlig eins wird mit Zazen, hundert Prozent konzentriert, verschwindet die Zeit. Es bleibt nur noch der gegenwärtige Augenblick, der vollständig wird und der die Ewigkeit einschliesst.

Michel Missen Bovay 1944-2009

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